Dienstag, 1. September 2015

Rezension 'Couchsurfing im Iran'



Der normale Pauschaltourist wird sich wohl kaum in den Iran verirren, sondern eher auf Malle landen. Dann auch eher in einem All inclusive Hotel, als auf dem Teppich eines gut gelaunten iranischen Ingenieurs. Es sind die Menschen die ein Land besonders machen und ihm seine Geschichte geben. Stephan Orth wollte auf seiner Reise mehr erfahren als die üblichen Touristenchlichees. Er wolle das Land mit all seinen positiven aber auch negativen Eigenschaften kennen lernen. Heraus gekommen ist ein sehr irrwitziges Buch, dass die Zwiegespaltenheit des Landes gut darstellt. Ein Land das viele mit negativen Dingen assoziieren, besonders wenn man es nur aus den Medien kennt. Ich selber weiß überhaupt nichts über den Iran. Ich weiß das es dieses Land gibt und das es in einer Ecke der Welt liegt, die man als Europäer aus Angst vor Entführungen und Krieg besser nicht besuchen sollte. Das Wort Schurkenstaat drängt sich unweigerlich auf und auch die Rechte der Frau und das doch für uns sehr gewöhnungsbedürftige Staats und Glaubenskonzept passt überhaupt nicht zu unserem demokratischen Grundgedanke. Doch was ist mit den Menschen die in so einem System leben und überleben ? Die ihr Land trotz aller Widrigkeiten lieben ? Stephan Orth schafft einen neuen Blickwinkel auf ein Land über das man viel gehört hat, dass man aber doch gar nicht kennt.

Couchsurfing ist ja überall auf der Welt beliebt, kann man so doch direkt durch seinen Gastgeber, in dessen vier Wänden man einquartiert wird, in die Kultur eines Landes eintauchen ohne dafür bezahlen zu müssen. Die Gastfreundschaft, ein viel zu wenig genutztes Gut. Im Iran ist es jedoch verboten, hat der totalitäre Staat doch ständig Angst vor ausländischen Spionen und dem Verfall der Sitten. Denn Ausländer bringen nicht nur Unruhe sondern auch ganz anderes Gedankengut mit ins Land. Einige Passagen im Buch erinnern wirklich an einen Spionagefilm. Stephan wird auf seiner Reise mehrmals von der Polizei verhört und zweimal muss er um sein Visum bangen. Alles nicht so einfach mit einer Staatsgewalt die ziemlich willkürlich mit ihrer Macht umgeht. Schnell merkt man jedoch das hinter den verschlossenen Türen und verrammelten Fenstern die Iraner einiges anders sehen. Da wird eben doch mal ein Schnaps getrunken, dass Kopftuch abgelegt, gelacht und getanzt. Man ist einfach Mensch und freut sich am Leben. Über allem scheint aber der lange Arm des Gesetztes zu schweben. Jeder Iraner unter 30 ist bei Facebook aber eigentlich sind Seiten wie Twitter, Youtube und Co gesperrt. Im Verborgenen findet trotzdem so einiges statt. Stephan landet auf seiner Reise bei verschiedenen Einheimischen, die das beste aus ihrer Situation zu machen versuchen. Viele wollen auswandern, haben studiert und fühlen sich in ihrem eigenen Land nicht frei. Alles wird so streng überwacht, man muss ständig Angst haben, dass wenn irgendwo ein Foto auftaucht oder man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist direkt eine Verhaftung droht. Im Iran kann es auch mal für eine harmlose Party 30 Peitschenhiebe geben. Für uns unvorstellbar.

Stephan beschreibt aber auch die Schönheit des Landes. Wunderschöne Wüste und grüne Hochlagen. Bemerkenswerte Bauwerke und orientalische Städte. Die legendäre Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Menschen und über allem hängt ein kleines bisschen Sehnsucht. Die Sehnsucht der jungen Iraner nach einem bisschen mehr Freiheit. Es ist kein typischer Reisebericht. Stephan schreibt mehr über seine Gedanken und Gefühle, was er erlebt und wie seine Gastgeber so sind. Wer also einen detaillierten Bericht a la "heute waren wir da und da" oder das abklappern von Sehenswürdigkeiten erwartet wird enttäuscht werden. Stephan lässt sich von den Einladungen die er von den Einheimischen bekommt treiben und verfolgt mehr sein Bauchgefühl. Ich konnte alles in einem Rutsch runter lesen und fand es gut geschrieben. Das Buch hat mir auf jeden fall einen ersten guten Einblick in ein Land gegeben, dass ich so gar nicht kannte und die Schnippchen und Tricks der Einheimischen brachten mich auch zum schmunzeln. Ich war aber auch irgendwo entsetzt noch einmal schwarz auf weiß zu lesen das es in unserer heutigen Zeit Länder gibt, in denen so ein politisches Klima herrscht. Sicher eigentlich weiß man es aber es ist noch einmal etwas anderes durch ein Buch tiefer darin ein zu tauchen. Es ist wie eine Zeitreise zurück in ein dunkleres Zeitalter. Trotzdem hinterlässt Stephans Fazit auch einen Hauch Hoffnung.

Zum Buch, erschienen beim Malik/ Piper Verlag geht es hier*

Ich wünsche euch einen reisehungrigen Tag

Eure Paloma Pixel

dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen