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Rezension 'Ungläubiges Staunen' von Navid Kermani



Zu erst muss ich etwas weiter ausholen damit ihr versteht, warum ich mich entschied mich genau für dieses Buch zu interessieren. Warum ein Buch lesen das ein Muslim über seine Interpretation und Eindrücke des Christlichen Glaubens geschrieben hat? Nun wir Christen leben unseren Glauben nicht mehr besonders. Sicher, wir sind alle irgendwie, irgendwann mal zur Kommunion oder Konfirmation gegangen, wurden getauft und hatten in der Schule Religionsunterricht. Aber wer geht heute noch jeden Sonntag zur Kirche ? Ich kenne niemanden in meinem Umkreis bei dem das noch eine Rolle spielt, vor allem nicht im Alltag. Vielleicht noch an Weihnachten oder Ostern, weil jeder sich freut ein paar Tage frei zu haben. Zeit für die Familie und Geschenke austauschen zu können. Leckeres Essen gibts auch aber niemand scheint die Religion noch wirklich zu brauchen. Brauchen wir sie überhaupt oder wären wir als Atheisten besser dran auf der Welt ? Keine Glaubenskriege, keine Grundsatzdebatten, kein nerviges Glockengeläute? Die Kirche hat es sich gewisser Maßen selbst verdorben. Jahrtausende hat sie Macht und Geld gesammelt und sich in politische Dinge eingemischt. Aber heutzutage sind die Leute nicht mehr so gutgläubig und auch das Geld um sich die Seele frei zu kaufen sitzt nicht mehr so locker. Wir haben längst andere Dinge um uns selbst zu retten gefunden. Veganismus, Ausdauersport, Greenwashing, Elektroautos, Clean Eating, Urban Gardening, Selbstfindungskurs, Yoga. Manchmal scheinen ausgefallene Hobbys oder ein gewisser Lifestyle, führt uns heute ins neue Nirvana. Da führt einen der Badewannenskandal von van Elst oder die Missbrauchsvorwürfe an die katholische Kirche nicht gerade zurück in die kalten Hallen der nächsten Kathedrale.

Der einzige Ort oder das einzige Szenario in dem die Leute sich heute noch auf die Religion besinnen ist das Krankenhaus. Todkranke Menschen klammern sich an jeden Strohhalm. Ich bin Krankenschwester und erlebe dort immer wieder das sowohl Betroffene als auch ihre Angehörigen, die sonst nichts mit Religion am Hut hatten, Heiligenbildchen aufstellen oder den Rosenkranz beten. Ob es hilft ? Der Glaube kann Berge versetzten und dieser Satz ist der, der hilft. Hat man eine positive Einstellung kann man eine schwere Erkrankung eher überstehen. Das hat etwas mit Resilienz zu tun. Insofern hilft es, auch beim Sterben. Denn derjenige der mit dem Gedanken stirbt das danach noch etwas kommt der stirbt ruhiger.

Ich wurde erst mit 7 Jahren getauft und konnte mir das sozusagen selber aussuchen. Meine Eltern waren absolut nicht religiös. Ich glaube wenn es nicht so schwierig gewesen wäre für ein ungetauftes Kind einen Schulplatz zu bekommen, dann hätten sie mich auch nicht auf diese Idee gebracht, mich als siebenjährige für einen Glauben zu entscheiden. Ich war vielleicht zweimal in meinem kurzen Leben in einer Kirche gewesen. Wusste von der Weihnachtskrippe bei der Oma etwas über die Engel, Maria und Josef und das Christuskind. Naja, ich entschied mich für katholisch. Das waren mein Papa und meine Cousins und Cousinen auch. Als Kind denkt man nicht darüber nach ob es Gott wirklich gibt. Man stellt überhaupt sehr wenig infrage. In der Regel hat man noch keine Hiobsbotschaften erlebt mit denen man mit Gott hadern könnte. Für meine Mutter, die evangelisch ist spielte es auch keine Rolle für welche "Seite" der Familie ich mich nun entschied. Da meine Eltern sowieso nicht in die Kirche gingen, wurde auch nicht gestritten in welche. Meine eigentliche Taufe war dann ein lustiges Fest für mich, an dem ich ein schönes Kleid anziehen durfte und der Priester mich mit Wasser nass spritzte. Eine Bedeutung konnte ich dahinter nicht für mich entdecken. Allerdings überkam mich doch eine Art Dazugehörigkeitsgefühl. Ich war jetzt katholisch, so wie alle anderen Freunde auch. Das fand ich schön. In der Schule konnte ich so mit dem Hauptteil meiner Freunde in den Religionsunterricht gehen und alle zusammen bedauerten wir den armen kläglichen Rest an Schülern, die in den evangelischen Unterricht mussten. Muslimische Schüler gab es an meiner Schule damals so wenige, dass sie keinen eigenen Religionsunterricht hatten und in unserem mit sitzen mussten. Sie haben sich immer furchtbar gelangweilt. Wir allerdings auch.

Je älter man wird und vor allem als Teenager, stellt man alles in Frage. Vor allem das Weltbild und die Dinge die einem die Eltern zuvor als richtig beigebracht haben. Nun ich war da keine Ausnahme und ging meinen Eltern gehörig auf die Nerven. Ihre frühere Sorglosigkeit was Freiräume und Selbstbestimmung von mir als kleines Kind anging, rächte sich nun ein ganz kleines bisschen, genau mit eben diesen Attributen. Mit 16 entschied ich, dass die katholische Kirche mit ihrem tattrigen Papst und den verstaubten Ansichten absolut nichts für mich ist. Eine meiner besten Freundinnen und ich fuhren damals schon zum wiederholten Male auf der Jugendfreizeit der evangelischen Kirche mit, obwohl wir beide katholisch waren. Irgendwie kam uns die evangelische Gemeinde lockerer, jünger und toleranter vor und das gefiel unserem rebellischen Ich. Luther als Revoluzer der alten Kirchenväter passte da gut in unser damaliges Bild. Kurzum nach vielen schönen Erfahrungen mit diversen Kinder und Jugendfreizeiten entschlossen wir uns zu konvertieren. Wir wurden also evangelisch und wurden praktischerweise auf Grund unseres Alters direkt konfirmiert. Dieser Schritt war zum ersten mal etwas ganz bewusstes, denn wir waren alt genug um zu verstehen was es heisst zu glauben. Ob wir das wirklich taten kann ich so gar nicht mehr sagen. Ich war mir sicher das es irgendwo im Universum eine Macht und einen tieferen Sinn geben musste. Ob man sie nun Gott oder anders nennt. Ich fühlte mich wohl mit meiner Entscheidung und in der damaligen Gemeinde. Meine Freunde und meine Freizeitaktivitäten waren hier und ich hatte einen Ort, wo ich mich mit ihnen treffen konnte. Ob Jugendgruppe, Kirchenchor oder Sommerfest. Ich nahm das volle Programm mit. Man verliebte sich, man lernte neue Freunde kennen, man feierte und man stritt sich. Es war eine schöne Zeit die ich nicht missen möchte, doch zu einem wirklichen Glauben, hat sie glaube ich nicht geführt. Das liegt vor allem bei mir daran das ich finde das keine weltliche Kirche mein Verständnis vom Göttlichen teilt. Für mich ist diese unaussprechliche Macht die das Universum wie Fensterkitt zusammen hält nicht abhängig von einer Menschen geschaffenen Institution. Sie ist in allem und in jedem. Wenn es sie denn wirklich gibt. Heute würde ich mich eher als Atheist bezeichnen der sich wünscht, dass es diese höhere Macht wirklich gibt.

Im Laufe eines Lebens passiert so viel schönes aber auch so viel schreckliches das man sich unweigerlich fragt ob das alles einen Sinn macht. Ob wir nicht doch alleine sind und wie hilflose Ameisen herum krabbeln und irgendwann fängt es eben an zu regnen.

Navid Kermanis Buch, hat mir einen nun wieder ganz neuen Blick auf die Religion ermöglicht. Nicht das ich mich nicht im Laufe meines religiösen Werdeganges schon mit so einigem beschäftigt hätte. Denn er hat einen völlig freien Blick auf die Dinge und ist nicht wie wir, sozusagen betriebsblind. Seine Interpretation vieler christlicher Kunstwerke war zum Teil sehr Augen öffnend. Denn er sieht die Dinge wie sie sind und nicht wie sie mit unserem christlichen Gehirn sein sollten. Ausserdem flicht er ein Band zischen dem Christentum und dem Islam und das können wir in der heutigen Zeit gut gebrauchen, egal auf welcher " Seite" man steht. Das schöne ist ja, wenn man erkennt das Dinge die vermeintlich trennen einen nun doch verbinden.

Kermani macht mit uns eine Reise. Quasi eine christliche Bildungsreise. Jedes Kapitel markiert dabei eine Person oder eine Art Wegpunkt. Häufig ist es ein Gemälde oder eine Skulptur die ein bestimmtes Thema oder eine Person behandelt. Sei es Jesus selbst, Maria oder Judith. Sei es die Liebe, das Opfer oder die Offenbarung. Kermani findet gute Worte um seine Gedanken und Gefühle bei der Betrachtung der Bilder zu beschreiben und warum er mit Aspekten des Christlichen Glaubens mal mehr mal weniger anfangen kann. Er zieht Vergleiche zum Islam, sieht Parallelen oder auch Konfrontationspunkte. Trotzdem finde ich ihn gelungen objektiv und offen. Er kennt sich besser aus wie jeder Allerweltschrist, also wie Unsereins. Er versetzt den Leser wirklich in ungläubiges Staunen, denn für mich ist er kein Ungläubiger. Seine Erklärungen sind zwar oft sehr langwierig und durch die langen, endlos verschachtelten Sätze musste ich doch mehrmals beim lesen ansetzten, aber immer schlüssig und nachvollziehbar. Wer seine Religion noch einmal mit anderen Augen sehen möchte dem empfehle ich dieses Buch und wer sowieso und eigentlich überhaupt nicht glaubt dem empfehle ich es erst recht.



Egal ob es einen Gott gibt oder nicht, die Religion lehrt uns etwas über uns selbst und in diesem Buch kann man ein Stückchen Selbst finden oder zumindest einige sehr gute Geschichten und wunderschöne Fotos von christlicher Kunst. Das Buch ist ein wirklich hochwertiges Hardcover, die Farbfotos von guter Qualität. Für jeden Kunsthistoriker genau so geeignet wie für mich, die sonst eher Fantasy liest und einfach Lust auf ein ernsteres Thema hatte. Das Buch konnte mich begeistern. Man muss sich natürlich schon ein bisschen für Religion, Kunst und Weltgeschichte interessieren denn es ist keine leichte Lektüre. Das war mir aber vorher klar und das Buch hat meine Erwartungen in sofern voll getroffen. Jetzt hoffe ich das Herr Kermani sich mit seinem viel zitierten katholischen Freund zusammen tut und das ganze anders herum noch einmal schreibt. Nämlich wie der Christ den wirklichen Islam zu sehen bekäme und nicht nur das, was wir aus den Medien kennen.


Zum Buch erschienen bei C.H. Beck gehts hier*

Ich wünsche euch einen besinnlichen Tag

Eure Paloma Pixel

dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.

Rezension 'Ungläubiges Staunen' von Navid Kermani

Kommentare

  1. Hallo Paloma,

    Wahnsinn, dein Text hat mich gerade richtig begeistert. Mir geht es da ähnlich wie dir. Zur Kommunion ging es eben wegen der Geschenke und weil die Freundinnen auch zum Unterricht sind. Mittlerweile bezeichne ich mich auch als Atheistin, hoffe und glaube aber auf irgendetwas Höheres. Aber auch das sehe ich absolut nicht in der Kirche, sondern eben in allem um uns herum. Natur, Universum etc. Der Kirche und dem von ihr erschaffenen Gott stehe ich eher kritisch gegenüber, da mir das Bild, das von der Kirche ausgeht, einfach viel zu intolerant ist.

    Wirklich ein toller Beitrag, der zum Nachdenken bringt! :)

    Liebste Grüße
    Anabelle

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    1. Huhu liebe Anbelle

      Schön das dir mein Bericht so gut gefällt und es dir genau so geht. Genau das wollte ich erreichen. Das darüber einmal nachgedacht wird ;-)
      Ich freu mich und hoffe wir sehen uns auf den nächsten Messen wieder!
      ganz liebe Grüße

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