Samstag, 12. März 2016

Rezension ' Um Leben und Tod '



Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern. 

Oh mein Gott, dieses Buch hat mich fertig gemacht. Ja, dass macht Henry Marsh. Er erzählt uns in seinem Buch von seinem Leben als erfolgreicher Neurochirurg in London. Er erzählt, wie er zur Medizin gekommen ist und was ihn dazu bewegte, die Neurochirurgie zu seinem Fachgebiet zu machen. Er erzählt von seinem persönlichen Leben und wie ihn dieser Beruf geprägt und begleitet hat. Er erzählt uns von schwierigen Hirntumoroperationen und seinem Hilfsprojekt in der Ukraine. 

Das könnte es jetzt schon gewesen sein, denn diese Themen reichen aus für ein gut gefülltes Buch aber Henry Marsh geht noch zwei Schritte weiter. Er erzählt eben auch die Dinge die viele Ärzte, vor allem Chirurgen niemals laut aussprechen. Er ist menschlich. Er macht Fehler. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Götter in weiß möglichst unfehlbar sein sollen. In der keine Fehler passieren dürfen und diese aus Angst vor Klagen gerne vertuscht werden. In der die Menschen die Erwartung haben, dass sie zum Arzt gehen und danach wieder alles in Ordnung ist. Der Tod ist für viele keine Option mehr die zum Leben dazu gehört. In der das Krankenhauspersonal oft von der Flut der Patienten und der Masse an neuen Gesetzen, Regel und Hygienevorschriften völlig überlastet ist. In der es schwieriger ist ein freies Bett für einen operierten Patienten, als einen Big Mac zu bekommen. 

Henry Marsh spricht es laut aus ohne Angst davor zu haben das er als Nestbeschmutzer der weißen Zunft da steht. Das macht ihn herrlich ehrlich.

Gerade in der Neurochirurgie zählt jeder Millimeter. Sie können über Leben und Tod entscheiden.  Das Gehirn ist der komplexeste Ort in unserem Körper und der wichtigste. Geht hier etwas schief, hat es verheerende Konsequenzen. Mit diesen Konsequenzen muss der Chirurg leben können. Das Buch ist hart. Es war für mich bei einigen Geschichten schwer weiter zu lesen. Das lag aber nicht nur daran das Mr Marsh sehr mitfühlend schrieb, sondern das ich selbst schon einige dieser Situationen durch meinen Job als Krankenschwester erlebt habe. Ich glaube für Betroffene, die an einem Hirntumor leiden kann das Buch Fluch und Segen sein, je nachdem was man sich zutraut. Will man schonungslose Ehrlichkeit, wie seine Chancen stehen und versteht man auch etwas von der Medizin kann man es lesen. Ansonsten würde ich Betroffenen eher abraten. Jedem Medizinstudenten aber empfehle ich es als absolute Pflichtlektüre! Vor allem denen, die auf Grund von Ehre und Geld Medizin studieren und schon im Studium eine gewissen Arroganz an den Tag legen.

Das Problem am Arzt sein, ist nicht nur der Druck und die hohe Erwartungshaltung durch die Unfehlbarkeit, sondern auch sich seine Menschlichkeit zu erhalten. Patienten sind irgendwann nur noch Fallnummern die kommen und gehen. Nach einer Tumoroperation, ob nun geglückt oder nicht, fährt man nach Hause zu seinen Lieben und feiert Geburtstag oder isst Pizza. Im Krankenhaus bleibt die Fallnummer Patient mit einer Halbseitenlähmung und einer Lebenserwartung von einem halben Jahr weinend zurück. Das ist nicht für jeden etwas und das erträgt auch nicht jeder der Arzt wird. Der Job bringt es mit sich das man unweigerlich abstumpft und man muss aufpassen, dass man dies nicht irgendwann auch in den privaten Bereichen tut und gar nichts mehr empfinden kann. Henry Marsh kämpft seit 27 Jahren diesen Kampf. Zwischen chirurgischer Passion und eigenem Mitgefühl. Selten habe ich erlebt, dass ein Arzt das so schonungslos zugibt. Es ist ein scheiß Gefühl jemandem zu sagen das er sterben muss und es ist okay sich dabei scheiße zu fühlen. 

Das Buch ist in einzelne Fälle oder Erzählungen aus Henry Marsh's Leben aufgeteilt und jede Geschichte, hat als Titel den medizinischen Fachbegriff der Erkrankung. Mr Marsh kommt als Arzt natürlich um viele Fachbegriffe nicht herum und es ist hilfreich selbst als Leser vom Fach zu sein aber absolut kein muss. Er schreibt wunderbar klar und strukturiert und man leidet in den Geschichten ein Stück mit. Man ist zusammen mit Henry traurig, besorgt oder wütend und ich musste auch die ein oder andere Träne trocknen. Selbst wenn ich jetzt nach beenden des Buches daran zurück denke. 

Ein wirklich emotionales und schonungsloses Buch, dass auch mal die Obersten der Gesundheitsbehörden und Krankenkassen lesen sollten. Der interessierte Leser der noch keine Berührungspunkte mit diesem Thema hatte, kann hier nachlesen was in Krankenhäusern und hinter den verschlossenen Türen des OP- Saals wirklich so geschieht. Wir sind nicht nur Fallnummern  sondern Menschen und Menschlichkeit lässt sich nicht in Geld bemessen. Arzt zu sein ist immer noch eine Berufung, genau so wie Patient zu sein Schicksal ist.

Zum Buch geht es hier*

Bleibt gesund

Eure Paloma Pixel 


dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.

Ich habe noch eine kleine Bilderreihe aus meinem Arbeitsalltag für Euch. Auf den Bildern sind keine echten Einsatzsituation oder Patienten zu sehen. Sie entstanden bei Übungssituationen  in der Ausbildung. Viele von Euch fragen ja immer wieder nach meinem Job. Hier passt es mal ein paar Einblicke zu zeigen.

das darf jetzt aufgeräumt werden

Geräte werden jeden Morgen gecheckt

auch die ganz Kleinen sind manchmal schon Patient

man muss auch mal als Infusionsständer her halten

mehr Gepäck als wenn ich in den Urlaub fahren würde
manch ein Koffer wiegt bis zu 50 kg ( mittlerweile gibt es dafür Rucksäcke)
im 4 Stock gefühlt 100

immer auf den Kabelsalat achten


1 Kommentar:

  1. Ich weiß noch: Gaaaanz am Anfang von meinem Blog (Mai 2015) da habe ich mir deinen hier als Vorbild genommen gehabt :-) ich finds toll ihn wieder zu sehen!
    By the way ich schreibe derzeit auch ein Buch, vllt rezensierst du es ja mal :D

    http://www.ikdrawingz.de/

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