Sonntag, 15. Mai 2016

Emotionen und Lesen - Wie mich das lesen zum fühlen zurück brachte!


Das das Lesen nicht nur bloßer Informationsträger ist, sondern auch unsere Gefühle beeinflusst, ist wahrscheinlich jedem Leser klar. Ich finde sogar dafür sind Geschichten hauptsächlich da, an unsere Gefühle zu appellieren. Wir sollen uns gut unterhalten fühlen, uns gruseln, mitfiebern, mitleiden oder uns für die Protagonisten in der Geschichte freuen. Natürlich kann man aus so einer Geschichte, wenn sie gut recherchiert ist, auch einen gewissen Mehrwert ziehen und etwas lernen. Über Ökosysteme, die Wirtschaft eines Landes, die Polizeiarbeit oder auf welchen Typ Mann die Mädels unserer Zeit so stehen.

Was aber passiert wenn ein Mensch aufhört zu fühlen ? Hört er auch auf zu lesen ? Bei mir war das so.



Ich habe natürlich nicht wirklich aufgehört etwas zu fühlen, dass kann kein Mensch. Es gibt aber durchaus Menschen die mit Emotionen ein Problem haben. Sei es krankheitsbedingt oder auf Grund ihrer Lebenserfahrung. Ich spreche hier ein dunkles Kapitel meiner eigenen Erfahrungen an. Sie sind natürlich nicht für jeden gültig, aber vielleicht gibt es jemanden der sich ähnlich gefühlt hat.

Gefühle sind ja ein schwer zu definierendes Thema. Jeder hat sie, sie werden viel genutzt. Sei es in der Liebe, in der Werbung oder im Privatleben. Psychologisch gesehen werden damit Erfahrungszustände beschrieben u.a. Angst, Ärger, Komik, Ironie sowie Mitleid, Eifersucht, Furcht, Freude und Liebe. Gefühle und Emotionen beeinflussen uns 24 Stunden am Tag. Der Mensch kann nicht interagieren, ohne dabei auch etwas zu denken und zu fühlen. Was aber passiert mit uns wenn wir aus irgend welchen Gründen anfangen diese Fähigkeit ein zu büßen ?


Ich muss ein bisschen ausholen um mein Problem damit genauer zu beschreiben. Keine Sorge es wird nicht lang. Meines Zeichens bin ich ja nicht hauptberuflich Buchbloggerin, sondern habe auch einen richtigen Job im echten Leben. Ich bin Rettungsassistentin und Krankenschwester. Ich liebe meinen Job und die Arbeit mit Patienten ist zwar anspruchsvoll, da man buchstäblich das Leben in seinen Händen hält. Zum Glück seltener als gedacht. Trotzdem ist sie sehr erfüllend. Hat man einen schwierigen Fall gelöst oder zumindest alles getan und alles ist reibungslos gelaufen, fühlt man sich stolz. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Unregelmäßige Schlafens- und Essenszeiten durch den Dienstablauf und Hetzte. Überstunden und Wochen mit wenig Freizeit fordern auch ihren Tribut. In der Regel macht das einem nichts aus, man nimmt es in Kauf für einen Job, den man mag und hält sich die Balance. Das ist aber je nach Anforderung ein zerbrechliches Gefüge. Nicht umsonst sind die Burnout Zahlen in diesen Berufen so hoch. Der Dienst am Menschen ist eben kein Job, bei dem man um 17 Uhr den Stift fallen lassen kann und unbescholten nach Hause geht. Unweigerlich sieht man tagtäglich Leid und Tod. Hat man keinen guten Mechanismus entwickelt, um das für sich ab zu fangen, gerät man unweigerlich in einen Strudel. Ich hatte für mich ein gutes Muster entwickelt und fühlte mich pudelwohl. Bis der Stress mir irgendwann doch einen Strich durch die Rechnung machte und mich straucheln ließ, aber ganz anders als ich gedacht hätte. Ich bekam kein Burnout. Ich konnte wunderbar schlafen und hatte auch sonst keine gesundheitlichen Probleme. Ich stumpfte einfach nur ab.

Ich arbeitete damals auf einer Großraum Intensivstation mit 32 Betten. Von den 32 Patienten, der fast immer voll belegten Station, hatte vielleicht einer die Chance noch einiger maßen gut wieder raus zu kommen aus seiner Situation. Die anderen waren, früher oder später, dem Tode geweiht. Das machte mir nichts, dass gehörte dazu. Dachte ich. Dann sah ich zusammen mit Freunden einen sehr traurigen Film. Alle weinten, Taschentücher wurden herum gereicht. Ich blickte mich um, und verstand nichts. Ich musste nicht weinen. Bei nichts mehr. Wenn sich über schreckliche oder lustige Ereignisse unterhalten wurde, war ich nicht schockiert und vielleicht nur mäßig belustigt. Anteilnahme ? Trauer ? Ein Lachen aus vollem Halse ? Fehlanzeige. Es gab nur noch Emotionen auf Sparflamme und das fiel mir zuerst gar nicht auf. Ich war immer ein Vielleser, seit meiner Kindheit. Jetzt las ich gar nichts mehr, ausser ich musste etwas aus Fachbüchern wissen. Ich hatte schlichtweg keine Zeit und kein Interesse daran. Es schien auch niemandem auf zu fallen, doch mir fiel es auf. Ich fühlte mich komisch emotionslos. Auf der einen Seite wird man als besonders professionell angesehen, wenn man jeder Situation mit Ruhe gewachsen ist. Bei überbordenden Emotionen wird man leicht als hysterisch abgetan. Es sind aber unsere Emotionen die uns menschlich machen. Ansonsten wären wir Maschinen. Ich hatte meine Emotionen verloren. Ich ahmte nur noch gewünschtes Sozialverhalten nach wie ich es kannte, aber ich fühlte es nicht mehr. Das erschreckte mich, so sehr, dass ich meinen Job abänderte und mir wieder mehr Zeit für mich nahm. Doch wie sollte ich mir meine verloren gegangene Fähigkeit wieder zurück holen ? Zumal es nur ein diffuses Gefühl war und ich es gar nicht richtig erklären konnte ?

Die Lösung entdeckte ich durch puren Zufall. Durch die veränderten Gegebenheiten in meinem Job, hatte ich wieder mehr Freizeit. Ich schaute damals viele Filme und einen wollte ich unbedingt sehen. Eine Buchverfilmung. Ich fand ihn furchtbar schlecht. Ich hatte mir die Geschichte vom hören und sagen ganz anders vorgestellt. Vielleicht mal das Buch dazu lesen ? Du hast schon ewig nichts mehr gelesen, obwohl du das lesen doch so liebtest. Gesagt, getan und was soll ich sagen, dass Buch riss mich um. Das erste mal seit langer Zeit fieberte ich wieder mit. Es war das erste Buch einer Reihe und ich las es in einem Tag und fühlte mich toll. Nicht weil das Buch so herausragen gut war, sondern weil ich zum ersten mal wieder in Kontakt mit meinen Gefühlen getreten war. So richtig. Das Buch schaffte es meine Seele zu berühren. Eine Verbindung zu schaffen, die ich aus Selbstschutz unbewusst gekappt hatte. Ich lachte und weinte beim lesen und die anderen Bücher der Reihe mussten sofort hintereinander weg gelesen werden. Es war der Grundstein meiner mit voller Wucht zurück gekehrten Buchsucht. Ein paar Bücher später, sah ich im Fernsehen einen besonders rührenden Bericht und musste ein paar Tränen der Rührung verdrücken. Nach über einem Jahr, in dem so etwas nicht möglich gewesen wäre. Ich freute mich gleichzeitig so. Ich hatte einen Weg zurück gefunden, meine eigenen Emotionen nicht zu unterdrücken, sondern wieder ausleben zu können und ich schäme mich nicht dafür. Das Lesen hat mir diesen Weg zurück mit wunderbaren Büchern gepflastert. Ich brauche es wie die Luft zum atmen. Sicher man kann sich wunderbar in fremde Welten flüchten. Diese Welten haben jedoch, wie man an meinem Beispiel sieht, auch einen Einfluss auf uns und unsere Realität. Lesen bildet nicht nur, es zeigt uns auch Seiten an uns selbst. Es hat mir geholfen meine emotionale Seite wieder zu entdecken und die Welt ist dadurch wieder viel farbenfroher für mich geworden. Jetzt lese ich einfach weiter, aus purem Vergnügen und darum wurde auch der Blog gegründet. Denn durch das bloggen entdeckte ich, dass auch das schreiben ein wunderbarer Ausdruck der eigenen Emotionen ist. Da gibt es einfach Geschichten und Gefühle die aus mir heraus wollen.

Mal sehen wohin mich das noch führt. Ich lasse mich einfach treiben. Ich kontrolliere meine Emotionen nicht mehr so.

Habt ihr auch solche Erfahrungen gemacht ? Es muss bei Euch ja nicht das lesen gewesen sein. Ich denke das man auch mit anderen Handlungen zu seinen Gefühlen zurückfinden kann. Schreibt es mir in die Kommentare !

Ich wünsche euch einen emotionalen Tag

Eure Paloma Pixel




dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.

Kommentare:

  1. Liebe Paloma, ich stimme dir voll und ganz zu :-) Ich finde Bücher sind auf so viele Arten ein Pflasterchen für die Seele. Durch sie können wir soo viel mehr erleben als in ein einziges Leben hineinpassen würde. Wir können Welten besuchen und damit auch Dinge spüren, die wir ganz sicher selbst niiee spüren wollen (bei einem Thriller) oder ganz nah selbst kennen (ich sage nur Liebesromane) ;-) Danke für den schönen Post !

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für deine lieben, zustimmenden Worte.

      Löschen
  2. Das hast du wunderbar geschrieben! Erstaunlich, was das Lesen alles bewirken kann.

    AntwortenLöschen
  3. Einen sehr schönen Beitrag hast du da geschrieben. Ich bewundere deinen Mut, so offen zu schreiben. Und deine Kraft, in dich hineinzuhorchen und allein den Weg zurück zu den Büchern und Gefühlen zu finden. Einfach schön, was Bücher und ihre Geschichten alles können, oder? Ich wünsche dir viel Lesezeit, Stärke für den Beruf und ausschließlich nette Leser und Bloggerkollegen ;) Frauke von wasfraukemacht.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen vielen Dank ;-) Ich fühl mich gar nicht so mutig dabei.

      Löschen
  4. Das ist wirklich ein wunderschöner Beitrag. Toll, dass du den Mut hattest, den zu teilen. :)
    Ich habe wirklich großen Respekt vor dir, deinem Wissen und deiner Arbeit!

    Liebe Grüße
    Anabelle

    AntwortenLöschen