Freitag, 20. Mai 2016

'Der große Schlaf' - Raymond Chandler


Philip Marlowe ist der Inbegriff des amerikanischen Privatdetektivs der 50er Jahre. Raymond Chandler hat mit dieser Figur ein gewaltiges Urgestein geschaffen. Das Buch lebt von dieser Figur und Chandlers phänomenalem Schreibstil der Andeutungen.

General Sternwood ist stinkreich aber er hat ein Problem, dass noch viel schlimmer ist, als seine desolate Gesundheit. Seine zwei Töchter. Diese lassen keine Verrücktheit aus und benehmen sich nicht gerade Damenhaft. Die jüngere Schwester Carmen, wird erpresst und Marlowe wird von General Sternwood beauftragt die Sache in Ordnung zu bringen, doch auch die ältere Schwester hat etwas zu verbergen. Bei Marlowes Nachforschungen häufen sich plötzlich die Leichen. 


Noch nie habe ich so einen Schreibstil in einer Kriminalgeschichte erlebt. Zum einen mag das am Alter des Werkes liegen. Es ist ein Zeitzeugniss der damaligen Gepflogenheiten und heute würde es mit Sicherheit jemanden geben der bei Äußerungen wie "der spitze Mund einer Jüdin" oder "ich musste sie schlagen" direkt nach political correctness schreihen würden. Bei diesem Werk kann man getrosst, im Hinblick was zur damaligen Zeit als korrekt galt, darüber hinweg sehen. Das man noch Telefonzellen suchen muss und in seinem Haus Bedienstete hat die den Wagen vorfahren müssen gehört genau so dazu.
Marlowe ist eine Figur die nicht ansatzweise ein Held sein will, obwohl er sich ritterlich verhält. Er versucht nur sich den letzten Rest seiner Würde zu bewahren. Mit Anzug und Hut, ständig rauchend und Whiskey trinkend, zögert er keine Minute selbst von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Er schläft fast nie und er isst auch kaum etwas. Er ist nicht niedlich schrullig wie ein Poirot oder genial wie ein Sherlock. Er erzielt seine Erfolge mit harter Ermittlungsarbeit und ist dabei selbst der härteste Hund im Karpfenteich.


Humphrey Bogart hat ihn damals im Film perfekt verkörpert. Wer auf alte Filme steht, dieser ist einen Blick wert. Man spürt beim lesen förmlich den Geist alter schwarz-weiß Filme, in denen man durch eine Milchglastür mit der Aufschrift 'Privatdetektiv', die Silhouette eines rauchenden Mannes mit Hut sieht oder der Schemen im dunkeln, die Füße auf dem Schreibtisch, der Whiskey rollt im Glas und durch die Streifen der Rollos leuchtet das Licht der Straßenlaterne auf sein Gesicht. Das ist genau die Stimmung die das Buch auch erzeugt. Erstaunlich ehrlich könnte man das schmieren der Polizei und die Kriminalität im Buch auch auf heute übertragen. Gentleman und Ganove, die Grenzen sind fließend. Genau so wie die Korruption in Polizeikreisen. Los Angeles Gangster hätten ohne Marlowe wohl keinen würdigen Gegner. Man spürt den leichten Hauch von Hollywood.

kleiner Eindruck in den Film:
https://www.youtube.com/watch?v=XLJg9stFd2g

Das Buch ist schwarzhumorig und düster, trotzdem hat es auch viel Witz und Charme. Ähnlich wie bei James Bond geht ja von den Helden mit Ecken und Kanten immer ein gewisser Reiz aus. Bei Marlowe ist das nicht anders, auch die Sache mit den Frauen hat er im Griff, gerade weil er ein Problem mit ihnen zu haben scheint. Er wirkt nüchtern und beherrscht, behält in allen Situationen steht's die Oberhand, selbst wenn es gar nicht gut für ihn aussieht. Trotzdem merkt man ihm eine gewisse Schwere an, er ist vom Leben irgendwie desillusioniert. Darum trinkt er auch gerne und oft ein Schlückchen. Eine schillernde Figur der man durch die Geschichte folgt. Beim lesen hatte ich immer das Gefühl, dass mir eine tiefe Stimme im Dunkeln, diese Geschichte von einem Sessel aus erzählen würde. Ich hatte die Stimme immer in meinem Ohr.

Das Buch hat mir gut gefallen, wenn der Schreibstil auch starke Gedankensprünge macht. Ich musste ganz schön mitdenken und rum überlegen. Meistens wurden die Dinge nur angedeutet. Ich war oft von der Handlung überrascht, weil Marlowe Dinge zu wissen schien, die ich beim lesen nicht mitbekommen hatte. Er wusste vieles einfach plötzlich und bis zum Schluss hatte ich noch keine Ahnung. Das Buch lebt auf jeden Fall von seinem Flair aber auch die Story ist spannend. Absichtlich verwirrt uns Chandler hier als Stilelement. Ich habe allerdings schon öfters gehört, das Chandlers Wortgewandheit und Sprachwitz im Original besser heraus kommen, aber die Bücher auch sehr anspruchsvoll sind. Es gibt wohl von Reclam Ausgaben mit Vokabelhilfen. Ich werde mir das nächste Buch der Reihe wohl einmal mit so einer Ausgabe ansehen. Denn ich möchte gerne noch mehr von Marlowe lesen. Gute Geschichten altern einfach nicht.

Zum Buch, Taschenbuch, Diogenes Verlag http://www.diogenes.de/leser/katalog/nach_autoren/a-z/c/9783257201321/buch


Ich wünsche euch einen detektivischen Tag

Eure Paloma Pixel


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Kommentare:

  1. Vielen Dank für die schöne Rezension - hatte beim Lesen richtig Kino im Kopf :)
    Habe das Buch vor kurzen auch gekauft, aber noch nicht geschafft es zu lesen. Das will ich nun ganz schnell nachholen!

    Viele Grüße
    Britta

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    1. Schön das ich dich anregen konnte das Buch nun schneller zu lesen ;-)

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  2. Ja, Marlowe steht noch auf 'm Leseprogramm, muss aber erst noch "Die Spur des Falken" verdauen. Ehrlich, wäre der Roman nicht so kongenial mit Bogart in der Hauptrolle - der eigentlich so gar nicht der Beschreibung des "Diabolischen" Spade entspricht - verfilmt worden, und hätte ich so nicht wenigsten die möglichkeit gehabt den Film im Kopf parallel laufen zu lassen, ich wäre nie durch das Buch gekommen.

    Ja also, The Big Sleep, bestimmt noch - und wenn der Roman mir nicht gefällt kann ich immer den Film parallel laufen lassen und mich über Bogart und Bacall in einer Paraderolle freuen. Außerdem natürlich High Sierra, von W.R. Burnett, den wohl noch vor The Big Sleep.
    Ich weiß nicht ob man's merkt, aber ich bin zwar kein so großer Krimileser, jedoch ein großer Fan von Humphrey Bogart. :)

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  3. Klingt alles sehr interessant. Das Buch wird wohl auch Teil meiner Wunschliste werden.

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