Dienstag, 3. Mai 2016

" Nachts sind das Tiere" Essays von Juli Zeh



Juli Zeh, war mir als eine der sprachgewandtesten deutschen Autorinnen bereits bekannt, allerdings hatte ich noch keins ihrer Bücher gelesen. Warum ich denn dann ausgerechnet mit den Essays starte und nicht mit ihren Romanen ? Nun, weil es eben genau diese Essays sind die mich interessierten. Seid ich die Essays von Ferdinand von Schirach gelesen habe, bin ich ein Fan von diesen kurzen Auszügen aus den Gedanken eines anderen. Essays sind kurze Gedankenblasen in denen nicht nur Meinungen gut zum Ausdruck kommen, sondern auch oft die Sache einfach auf den Punkt gebracht wird.

Ich beobachte an mir selbst, dass ich mich in den letzten Jahren immer mehr für Politik interessiere. Ich weiß nicht ob es am zunehmenden Alter liegt ( obwohl ich mich jetzt nicht "alt" fühle) oder an den Gegebenheiten unserer Zeit. Für mich ist eher letzteres zutreffend. Ich erwartete ein politisches Buch von Frau Zeh. Denn sie ist nicht nur Schriftstellerin sondern auch Juristin. Das weckte Erwartungen aber auch Ängste. Wie würden ihre Zusammenfassungen und Meinungen aussehen ? Wäre mir das Buch zu abgehoben intellektuell, wäre es verständlich oder sind darin Meinungen vertreten die ich ganz und gar nicht nachvollziehen kann ?

Ich musste mir keine Sorgen machen. Ihre Sprache ist durchaus anspruchsvoll, auch einige politische und kulturelle Zusammenhänge erfordern doch ein gewisses Interesse und Denkvermögen, aber alles ist gut und leicht verständlich, ergibt Sinn und rüttelt auf. Spitzzüngig und motivierend beschreibt Juli Zeh uns ihre doch sehr juristisch-fachmännisch wirkende Sicht auf politische und gesellschaftliche Themen von 2001 bis 2014. Ich war fast ein bisschen traurig, dass das Buch schon Anfang 2014 heraus kam. Ich hätte mir auch noch ein Essay zur aktuellen Situation in Deutschland gewünscht. Da wird nicht nur der gläserne Mensch der Generation Internet durchleuchtet und Datenschutz sowie Kontrollverlust auf Kosten der Freiheit behandelt. Da geht es auch um die Europäische Union, um eine Kanzlerin für die das Internet noch "Neuland" ist und um Snowden und die NSA Affäre. Falsch verstandener Feminismus, unseren Gesundheits- und Fitnesswahn sowie die grenzenlose Selbstoptimierung und das Leben in den Tretmühlen der Wirtschaft, bekommen genau so ihr Fett weg. Ich muss zugeben das ich viele Zusammenhänge erst nach der Lektüre des Buches besser begriffen habe. Vorher waren viele der behandelten Themen abstrakte Konstrukte für mich, die immer mal wieder durch die Medien waberten aber oft von mir beiseite geschoben wurden. Irgendwie gibt es ja immer wichtigeres, was mein Leben direkt zu beeinflussen scheint. Politik, vor allem die der " Großen" ist so weit weg und scheint mich nicht weiter zu betreffen. Juli Zeh hat mir wieder ins Bewusstsein gerückt das die Politik unseres Landes auch uns alle etwas angeht. Das es wichtige Prinzipien einer Demokratie gibt, die es zu schützen gilt und das dies auch Sinn macht. Eins ihrer großen Themen ist die Politikverdrossenheit vieler Leute und eine Regierung die am Bürger vorbei regiert.

Doch es gibt auch kleine Momente des Glücks im Buch, so ist auch ein Essay zur Geburt ihres Sohnes und auch ein phantasievoll, verträumter Essay von einer Gedankenreise auf Lanzarote im Buch zu finden. Es gibt mehrere Reden im Buch, darunter eine hoffnungsvolle für Abiturienten, in der es um Zukunft geht und eine die die Arbeit des Schrifstellers und literarischer Fiktion aufs Korn nimmt. Dabei plädiert Zeh für die Freiheit und Offenheit nicht nur in der Politik sondern auch in der Literatur. Immer wieder warnt sie eindrücklich davor, dass wir nicht auf Grund von Angst und falschem Sicherheitsverständnis uns und unsere Freiheit selber beschränken, im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus, dass wir nicht freiwillig unsere Daten und damit auch unser selbst abgeben. Das wir alle gerne Individualisten sind aber trotzdem in einer Gemeinschaft leben. Das die Freiheit die wir heute haben bitter erkämpft wurde und wir diese schätzen sollten, aus der Vergangeheit lernen für eine Zukunft. Große Freiheit bringt große Verantwortung für uns selbst. Das deutsche Universitätssystem wird von ihr genau so kritsich durchleuchtet wie die eigene Identität und was uns zum Individuum macht. Irgendwann diktiert uns unsere Armbanduhr, wann wir schlafen gehen sollen und unser Auto gibt uns von Konzernen bezahlte Restauranttips. Leisten wir dann nicht folge, geht direkt eine Mail an die Krankenkasse und uns wird das Bonusprogramm, wegen nicht konformen Sozialverhalten gestrichen, auch das ist Datenschutz ! oder eher Verlust der Selbstbestimmung.

Wer Zeit und Muße hat sich jeden morgen die Überschriften der Bild Zeitung durchzulesen, der kann auch einen 3 seitigen Essay von Juli Zeh lesen. Es lohnt sich und bringt mehr Standpunkt. Ich empfehle es jedem, der auch nur ein bisschen klareren Durchblick sucht. Sie nimmt keine Blatt vor den Mund. Für mich konnte sie oft flüchtige Gedanken, die ich selber schon einmal hatte, in knackige und zutreffende Worte fassen. Nur viel sprachgewandter als ich das jemals gekonnt hätte. Angst ist ein schlechter Ratgeber und Juli Zeh bringt vor allem eins in die Debatten um bewegende Themen unserer Zeit : Ruhe bewahren und klar Position beziehen !. Mir konnte sie nicht nur ein bisschen mehr Klarheit sondern auch ein bisschen Frieden schenken.

Zum Buch, 286 Seiten, (Taschenbuch) erschienen beim btb Verlag ----> http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Nachts-sind-das-Tiere/Juli-Zeh/e484110.rhd

Hardcover, Schöffling&Co ----> https://www.schoeffling.de/buecher/juli-zeh/nachts-sind-das-tiere

Ich wünsche euch einen aufgeklärten Tag

Eure Paloma Pixel



dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.

Kommentare:

  1. Ich habe selten eine so persönlche Rezi gelesen und ich mag den Stil :-) Ich finde nur Comic Sans schwer beim Lesen. (Obwohl ich die Schriftart mag) :-)

    Ich hab dich übrigens über die MeetTheBlogger-Aktion gefunden!

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    1. Vielen Dank. Ja ich überlege auch gerade die Schrift wieder zu ändern, es gibt doch einige die Probleme damit haben ,-)

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