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Panikherz - Benjamin von Stuckrad-Barre



Mein bisher erstes und letztes Buch von Benjamin von Stuckrad- Barre war Soloalbum. Wir haben es damals im Deutschunterricht gelesen. Eine sehr junge enthusiastische Referendarin wollte damit unsere launischen und chronisch gelangweilten Schülerseelen im Deutschunterricht, raus reissen aus der Penne-Lethargie. Es gelang ihr zumindest bei meiner Freundin und Sitznachbarin, die nach der Lektüre des Buches monatelang in 'Stucki' verliebt war. Ich wurde also ständig mit Zitaten gefoltert. Ob dies dazu beitrug das ich das Buch Soloalbum gar nicht mochte ? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall ließ ich danach naserümpfend die Finger von allem, wo Stuckrad-Barre drauf stand. Er war mir einfach over the Top und nicht sympathisch. Warum griff ich denn dann plötzlich zu Panikherz ?



Zum einen war ich überrascht das er noch lebte, ja ernsthaft. Ich hatte am Rande, doch von seinem nicht geringen Drogenkonsum in der Presse erfahren, zum anderen sind es gerade die gestrauchelten Großmäuler die dann doch wieder Interesse wecken. Denn Stuckrad-Barre glänzte ja noch nie mit Bescheidenheit in seinen Büchern. Natürlich fragt man sich dann, darf ich jetzt schadenfroh sein oder finde ich im neuen Buch mal eine ganz andere Seite von ihm ? Ausserdem entdeckte ich auf dem Klappentext zwei Autoren die ich sehr mag. Ferdinand von Schirach und Joachim Meyerhoff gefiel das Buch. Neugier geweckt und Buch gekauft.

Nun erstmal muss ich sagen das 'Stucki' für mich immer noch kein Symphatieträger ist, aber er ist ein begnadeter Autor. So selbstironisch und ehrlich. Er lässt schlimme Sachen leicht aussehen. Eine Reise in die Nacht, hinter die Bühnen der Popkultur. Mitten rein in den Erfolg, aufs Clubklo zum schnupfen und in die Minibars der Republik.  Er beschreibt seinen Weg genau so hyperaktiv, wie er selber vermutlich ist, bekommt damit aber einen unverwechselbaren Drive ins Buch. Einen Drive, der einen mitnimmt und über die Kapitel trägt. Das er dabei noch jede Menge kluge Anekdoten über, und mit seinen prominenten Freunden erzählt, ist ein Bonus im Buch. Prominente wie Helmut Dietl oder Thomas Gottschalk, sieht man dann doch aus einer ganz anderen Perspektive. Aber es waren nicht diese Szenen die mich wirklich mitgenommen haben. Wirklich erreicht hat er mich mit seiner schonungslosen, aber oft zu heiteren Beschreibung seiner nicht gerade kleinen Drogenkarriere. Er trägt ja dann doch ein ziemliches Päckchen mit sich herum. Schön war dabei, dass er es weder mitleidsheischend noch rechtfertigend erzählt. Er erzählt es einfach so wie es ist. Wie er es fühlt und von geheilt sein ist wohl niemals die Rede.

Sprachlich ist das Buch dabei ein Highlight, wobei ich mich schon gefragt habe ob Passagen davon nicht nur vom High sein erzählen, sondern auch unter diesem Einfluss geschrieben wurden. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ohne jemals Drogen genommen zu haben etwas verpasst, sondern mir eher etwas erspart habe. Im Buch fehlt da jeder moralische Zeigefinger. Denn Stucki liebte das Gefühl, oder besser gesagt das nicht mehr fühlen durch die Drogen. Leider gibt es das nicht ohne die bekannten Nebenwirkungen. Körper kaputt, Sozialleben kaputt, Karriere kaputt, pleite. Zum Glück blieb Stucki noch der Udo. Udo Lindenberg. Für mich eine Musiklegende aus grauer Vorzeit. Ich bin dann doch etwas zu jung, um seine Glanzzeiten erlebt zu haben. Er rückte für mich nur mit Cello wieder ins Bewusstsein und mit dem gemeinsamen Lied mit Jennifer von Jennifer Rostock. Da bin ich nämlich Fan.

Im Buch spielt seine Musik eine so wesentliche Rolle, nicht nur als Lebensretter für Stucki sondern auch als Hommage und Zeitreise. Eigentlich könnte man sagend das Udos Lieder der stützende Zeigefinger für Stucki waren. Ich habe mir beim lesen das Smartphone geschnappt und einige Titel deren Text im Buch zitiert wird angespielt, da ich so gut wie nichts von Udo Lindenberg kannte. Ihn als individuelle Kultfigur kannte und mochte ich schon vorher. Seine Musik wird jetzt nicht mein Everyday Song werden, um tiefer ins Buch einzutauchen ist sie aber super. Denn seine Texte sind genauso, wie Stuckes Feder, ehrlich und intelligent. Zumindest diese Intelligenz hat Stucki hier in solidem Hardcover angelegt. Natürlich mit neongrünem Lesebändchen, wie die Paniksocken vom Panikrocker Udo.

Autobiografisch findet man hier von seiner Kindheit bis zu seiner aktuellen 'trockenen Phase' alles. Für Stuckrad-Barre Fans also ein interessantes 'Muss' Buch. Für mich, als bisheriger Meider seiner doch oft zu egoistischen und selbstgerechten Prosa aber auch ein gelungenes Werk. Zumindest war ich doch positiv überrascht. Passagenweise war es mir aber zu viel Herumgeschwafel. Die Ausführungen zu lang und der Zusammenhang nicht immer ganz klar. Manchmal beschreibt er die Szenerie, als würde es ausser ihn sonst nichts und niemanden betreffen. Dem ist bei einem Süchtigen natürlich nicht so. Das er aber den perfekten Süchtigen abgibt, und es auch genau so ehrlich beschreibt, ist erfrischend. Er schüttet uns sein Herz aus, aber das keines Wegs theatralisch, vor allem weil er ohne Mimimi auskommt. Ich hatte nicht das Gefühl das er zerissen oder geläutert aus diesem Leben hervor geht. Eher zieht er seinen Nutzen daraus. Wer also eine mitreissende Biografie lesen will und dazu noch Udo Fan ist, oder es noch werden will. Dann mal los. Hier kann man sich auch ohne Drogen was in den Kopf knallen.

Zum Buch : http://www.kiwi-verlag.de/buch/panikherz/978-3-462-31575-2/

Ich wünsche euch einen nüchternen Tag

Eure Paloma Pixel

dieser Text enthält meine eigenen Gedanken und für die kann man nicht Haftbar gemacht werden, diese dürfen auch nicht ohne meine Zustimmung weiter veröffentlicht werden , Fotos wurden von mir selbst geschossen und dürfen auch nicht weiter veröffentlicht werden. Coverrechte liegen beim Verlag.
Panikherz - Benjamin von Stuckrad-Barre

Kommentare

  1. Sehr gute Rezension! Ich muss ja gestehen, dass ich den Stucki vorher gar nicht kannte, obwohl er mein Jahrgang ist. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört (er liest auch großartig!) und mir hinterher gleich die ersten fünf Udo-Platten als CD-Paket gekauft (für sage und schreibe 10 Euro ;-)).

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    1. Ja durch die Lektüre bekommt man ja quasi eine Udo Gehirnwäsche 😄 kann ich verstehen. Hätten wir es nicht in der Schule gelesen, wäre es damals wohl auch an mir vorbei gegangen

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